Geschafft!
Endlich Geschafft!
Wieder ist ein Tag vorbeigegangen.
Einer jener grauen verwaschenen Tage, die wie trübe Nebelschwaden muffig an einem vorüberziehen.
Ein Tag wie schon tausender anderer Tage zuvor.
Ein Tag der sich wie ein ungebetener Gast durch die Tür schleicht ohne sich vorher anzukündigen.
Grau war es bevor er kam und dieses immergleiche, deprimierende Betongrau blieb bestehen bis er
wieder ging.
Selbst im Abschied änderte sich nichts an seiner Erscheinung.
Zäh und träge floss er davon.
Ohne noch einmal zurück zu schauen.
Ohne ein Gefühl des Verlustes zu hinterlassen.
Das schreckliche an diesen unzähligen grauen Tagen war die Leichtigkeit!
Die Leichtigkeit mit der sie ihr Grau präsentierten.
Es ist ein morbides Grau.
Ein Grau wie man es auf einem verwitterten alten Grabstein, auf einem zur Ruine verkommenen
Friedhof zu finden pflegt.
Das Grau der Vergänglichkeit.
Manchmal hoffe ich jedoch das solch ein Tag einmal ein eigenes Leben hervorbringt.
Vielleicht würde es eine Blume sein.
Eine Blume mit einem Stiel so grau wie die Esse einer Stahlschmiede.
Mit Blättern so grau wie Asphalt.
Einer mondgrauen Blüte und mit Dornen, die genau so grau und hart sind wie die Haken die sie in
Schlachthöfen verwenden um Schweinehälften zum Ausbluten aufzuhängen.
Würde ich vielleicht eines Tages selbst zu solch einer Blume werden?
Dann könnte ich den Tagen mit derselben Verachtung entgegen treten die sie offenkundig uns
Menschen entgegenbringen.
An diesem Tag werde ich entgültig innerlich zu Eis erstarren.
Dann bin ich endlich in der Lage, der harten, rauhen Schale einen entsprechenden kalten, harten
Kern entgegenzusetzen.
Die Frage ist doch ganz einfach: wie muss ein lebendes, denkendes und ab und zu auch fühlendes
Wesen geistig beschaffen sein, um in einer Welt wie dieser zu überleben, ohne sich der Gefahr
einer Geisteskrankheit auszusetzen?
Negative Einflüsse die in meinem Kopf umherschwirren wie kleine, stahlköpfige Mücken machen das Leben um ein vielfaches interessanter.
Manchmal wünsche ich mir direkt das irgendetwas negatives geschieht.
Etwas das mich aus meiner zähen, muffigen Lethargie heraus reißt und mich mit einem donnerndem Aufprall in die eilende, kristallene Realität zurück schmettert.
Wie traurig wäre das Leben ohne diese kleinen, täglichen Katastrophen die andauernd um einen herum passieren.
Mal ehrlich, wenn immer nur positive Dinge stattfinden würden wäre man irgendwann vermutlich nur noch am Kotzen vor lauter Langeweile.
Man wüsste doch auch gar nicht mehr die positiven Dinge zu schätzen.
Das Leben würde zu einer Aneinanderreihung jauchzender, jubilierender Momente werden die einen so sehr mit Glückseligkeit vollschleimen das man vermutlich von sich aus zu einer 45er greifen müsste um ein wenig Abwechslung in das Leben zu bringen.
Vielleicht zwei freundliche Kugeln für Mamis Schädel.
Dann hätte man noch zwei Kugeln die sich mit unaufhaltsamem Humor ihren nervenzerfetzenden Weg durch Papis Kiefer bahnen.
Wenn bloß Opi und Omi noch leben würden!
Aber man hat ja schließlich noch ein paar nette Nachbarn die mit Sicherheit gerne dazu bereit sind in solchen Notfällen ihren Kopf einzusetzen.
Es geht schließlich nichts über ein gutes, zufriedenes Miteinander.
Aktion „Nachbar hilft Nachbar“ sozusagen.
Ja, ja. Manchmal hält das Leben doch ein paar schöne Momente für einen bereit.
Es ist eben nicht immer nur alles in Aquarellfarben gemalt oder in Bonbontönen gestrichen.
Hier und da gibt es auch noch ein paar zusätzliche fröhliche, rote Farbspritzer.
Ich atmete tief durch, als ich mit derart motivierenden Gedanken das Haus verließ um einen kleinen Rundgang durch die verrotteten Straßen meiner Stadt zu machen.
Ich liebe diese Rundgänge, weil sie den blick freimachen für die wesentlichen Dinge die man ansonsten leider oft genug übersieht. Manchmal allerdings ist es als ob Visionen einer grauen Zukunft auf leisen, airgedämpften Nikesohlen ihren endlosen Marathon durch mein mitleiderregend unschuldiges Gehirn sprinten.
Stummem, fleischgewordenem Entsetzen gleich folge ich ihnen durch die verschimmelten Straßen meiner unsäglichen Stadt.
Es riecht nach verbrannten verkohlenden Träumen.
Überall, an jeder Ecke, hinter jedem Schaufenster, hinter jeder Werbewand, hinter den aus tiefster Angst hastig zugezogenen Vorhängen kleiner, demütig geduckter Bürgerhäuser, züngeln gierige schmatzende Flammen an den Wünschen und Sehnsüchten in der Masse vereinsamter Menschen.
Ein fast unhörbarer, beinahe knochensprengender Schrei wabert durch die rauchige Stille.
Er hinterlässt eine dumpfe, düstere Ahnung von Schönheit, Reinheit, Harmonie und Menschlichkeit.
All das wird hinweggehämmert von dem pausenlosen Stampfen, Rollen und Fauchen unserer heiligen Krematorien des Geistes.
Die Pyramiden unserer Zeit.
Gehuldigte Stätten wirtschaftlicher Produktivität denen wir längst unser geknechtetes von schweren Ketten geknebeltes Denken untergeordnet haben.
Wir schlafen im Rhythmus der unablässig produzierenden Maschinen.
Wir atmen ihre Ausdünstungen und essen ihre Abfälle.
Wir produzieren Nahrung, Kleidung, Autos und Güter für Menschen die wir produzieren um die Produktion in Gang halten zu können.
Wir produzieren und produzieren und produzieren um unsere eigene Art zu erhalten und töten sie damit.
Das ist der Sieg der Materie über den Geist.
Das ist unser Los, seid wir uns mit dem Beginn der Industriellen Revolution dem Geist der Maschine ergeben haben.
Überhaupt ein äußerst interessanter Begriff: INDUSTRIELLE REVOLUTION.
Fast wie ein Orgasmus für eine Maschine.
Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
Kaum hat es mit den Maschinen angefangen, schon revoltieren sie, diese undankbaren Geschöpfe unseres völlig unzulänglichen Geistes.
Normalerweise sind es doch Menschen die Revolutionen machen.
Vorzugsweise im Oktober, oder wenn gerade mal wieder der Stern eines Regimes ohnehin schon schwer zu polieren ist und kaum noch davon abzuhalten ist von sich aus zu erlöschen.
Dann kommt die flinke, veränderungsfreudige Masse daher und verkündet den Umsturz und den damit verbunden Beginn einer neuen, glorreichen Ära.